Wenn man ein Lädchen sein Eigen nennt…

… oder auch: (ein wenig) Leid und (viel) Freud einer Selbstständigen.

Seit etwas über zwei Jahren nenne ich „Fräulein Stadtfein“ nun schon mein Eigen. Oft werde ich gefragt wie ich auf die Idee gekommen bin ein Spezialgeschäft für die Mode der 1950er zu eröffnen. Die Antwort ist einfach: Über eine Selbstständigkeit habe ich schon oft nachgedacht. Nur fehlte entweder die zündende Idee, die Zeit oder auch ganz profan das Geld.

Die Mode der 1950er hat mich schon immer fasziniert. Auf alten Familienfotos konnte ich meine Tanten bewundern. Besonders meine (angeheiratete) Tante Carmen war ein echter Hingucker. Sie trug die schönsten Kleider und sah immer aus wie dem Ei gepellt. Irgendwann erzählte mir mein Vater, dass die Mutter meiner Tante immer darauf geachtet hatte, dass Ihre Töchter gut angezogen waren. Das mag daran liegen, dass sie halbe Sinti und/oder Roma waren. Man sollte doch nicht sagen „dass die Zigeuner sich nicht richtig zu kleiden“ wüssten.

Abgesehen von meinen Tanten waren auch die Filme und Plattencover der 50er Jahre ausschlaggebend für meine Affinität. Ich liebte es vor dem TV zu sitzen und zuzusehen wie in den Filmen getanzt und gesungen wurde. Wie großartig sich die Kleider beim Tanzen bewegten und wie schön sich die Schauspielerinnen in den Kleidern bewegten. Als Kind hörte ich mal im Radio, dass die besondere Art zu gehen bei Marilyn Monroe daran lag, dass sie Ihre Hüfte drei Zentimeter nach links und fünf Zentimeter nach rechts bewegte. (Nagelt mich nicht auf die Richtung und genauen Zentimeter fest). Das hatte sich in meinem Kopf festgesetzt, natürlich hatte ich zu der Zeit noch keine erkennbare Hüfte, da mir die Taille fehlte. Ich denke, das Üben muss damals ein großartiger Anblick gewesen sein.

Da ich früher keinen Petticoat besaß, erschummelte ich mir mein Volumen unter Kleidern und Röcken dadurch, dass ich mehrere Röcke unterzog. Nicht selten war ich overdressed, aber meine Mutter ließ mir glücklicher Weise immer den Freiraum mich zu kleiden wie es mir gefällt. Dadurch konnte ich sehr früh erkennen, wie wichtig es ist sich in seiner gewählten Kleidung wohlzufühlen. Unabhängig davon ob ich ein Kleid oder eine normale Jeans trug.

In jüngeren Jahren, in der Selbstfindungsphase, neigt man natürlich dazu sich zu kleiden wie alle anderen. Ich ging damals in eine Schule in der sich die Schüler in „die Eltern haben Geld“ und in „das Elternhaus kommt über die Runden“ aufteilten. Natürlich gaben die Schüler mit Geld im Haus die Mode vor. Wir anderen versuchten von Zeit zu Zeit unseren Eltern Geld aus der Tasche zu leiern um mithalten zu können, oder wir interessierten uns nicht für die Mode auf dem Schulhof (zumindest taten wir so). Im Nachhinein behaupte ich, dass es meinem Gefühl für Mode und eigenem Stil geholfen hat improvisieren zu müssen. Mode war und ist für mich eine Form mich auszudrücken. Oft hatte ich, auch noch als Erwachsene einen ähnlichen Stil wie meine Freundinnen. Je enger die Freundschaft war, umso mehr ähnelte sich auch der Modestil. Dass sich bei mir der Modestil aus den späten 40er und frühen 50ern durchgesetzt hat, war ein schleichender Prozess. Vor ein paar Jahren entdeckte ich die Marke mint&berry für mich. Mir gefielen die Kleider und Röcke sehr gut. Nur waren sie irgendwann zu kurz für mich. Was bedeutete, dass ich mit dem Stil dieser Kleidung bis zur Taille fein war. Unterhalb der Taille war mir immer zu wenig Stoff. Ich fing an mir ein paar Kleidchen und Röcke zu nähen und ging in die üblichen Geschäfte hier in Hamburg um mir meine Garderobe zusammen zu suchen. Manchmal hatte ich Glück und fand etwas bei H&M. Irgendwann reichten mir meine paar Röcke und Kleider nicht mehr. Ich wollte mich jeden Tag und zu jeder Zeit in diesem Stil, den ich schon als Kind bewundert hatte, kleiden. Also brauchte ich Alltags- und besonders Bürotaugliche Bekleidung. Diese hier in Hamburg zu finden war schwer bis gar nicht möglich. Und damit wuchs in mir die Idee, dass ich doch nicht die einzige Frau in ganz Hamburg sein kann, der es so geht. Ich hörte und sah mich um. Nach einiger Zeit der Recherche, des Rechnens und Weiterbildens entschied ich mich für die Selbstständigkeit.

Ausgerechnet im Einzelhandel, wo wir doch von Ketten überrannt werden und die kleinen, sich spezialisierten immer Rarer werden und ums Überleben kämpfen. In meiner Vorbereitungsphase traf ich einer Weiterbildungsmaßnahme auf eine Frau die sagte, sie wolle sich mit Kindermode und Haustierbedarf selbstständig machen. In den Sparten sei am meisten Geld zu verdienen. Ich glaube, sie hatte Recht. Aber meine Idee von der Selbstständigkeit war nicht möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Sicher, ich hätte natürlich nichts dagegen gehabt auf eine Goldader zu stoßen. Doch wer im Einzelhandel arbeitet oder Selbstständig ist, weiß, dass diese Zeiten vorbei sind. Ich hatte das Glück, während meiner Vorbereitungszeit auf einen Berater zu treffen, der uns gleich am Anfang den Zahn „Möglichst schnell, möglichst viel Geld“ zog. Wer sich im Einzelhandel selbstständig macht, muss wissen dass es drei bis vier Jahre dauern kann bis man am Markt etabliert ist. Ich bin jetzt im dritten Jahr meiner Selbstständigkeit und muss immer noch Geduld haben und Tage aushalten in denen ich nicht eine Kundin nach der anderen habe.

Als Inhaberin eines Lädchens ohne Angestellte bin ich alles in einer Person.

Ich recherchiere nach Marken auf der ganzen Welt, wobei ich zusehe, dass die Marken in meine Unternehmensphilosophie passen. Was leider nicht bei allen Marken möglich ist. Ich bin Einkäuferin. Ich bin das Rechnungswesen, die Marketingbeauftragte, die Buchhalterin, die Verkäuferin, die Stilberaterin, die Dekorateurin, die PR-Maus und meine eigene Kundin und dadurch auch mein Testomonial aus Überzeugung. Wenn etwas anders läuft als gedacht, bin ich allein dafür verantwortlich. Ich kann mich sehr selten mit jemandem absprechen und auf die Erfahrung anderer zurückgreifen. Meine Erfahrungen muss ich selber machen und wenn ich mit einer Entscheidung auf die Nase falle, wische ich mir den Mund ab und mache weiter. Einfach weil ich nicht liegen bleiben kann. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.

Schon längst wollte ich ein kleines Netzwerk mit anderen (im Einzelhandel) selbstständigen Frauen aufbauen. Allein die Zeit dazu fehlt. Locker habe ich mit vielen tollen Frauen, die unterschiedlichste Ladenkonzepte haben, Kontakt. Das muss regelmäßig, enger und gegenseitig unterstützender werden. (Ab auf die ToDo Liste damit)

Ich sehe zu, dass ich gesund bleibe damit mein Lädchen nicht geschlossen bleiben muss. Trotzdem muss ich aufpassen, dass ich Arbeit und Freizeit im Gleichgewicht halte um neue Kraft zu tanken. Wenn ich im Regen zum Lädchen fahre überlege ich jedes Mal ob ich mich unterstelle um nicht krank zu werden oder ob ich weiter fahre weil eine Kundin vor verschlossener Tür stehen könnte. So geht es mir auch wenn ich nicht fit bin. Gehe ich nach Hause um mich auszuruhen und verprelle damit eventuell Kundschaft oder bleibe ich im Laden und laboriere länger an mir rum. Ich muss jeden Monat im Auge haben, ob ich die wichtigsten Kosten wieder reinbekomme, überlegen was ich tun kann wenn dem mal nicht so ist. Erstaunlicher Weise bin ich viel mehr Wetter- und Ferienabhängig als gedacht. Auch die globalen Ereignisse spüre ich sofort.

Trotz all dieser Überlegungen und Aufgaben und manchmal weniger Freizeit habe ich unglaubliches Glück, meinen Traum leben zu können. Ich habe die Unterstützung meiner Familie, habe die tollsten Menschen kennen gelernt. Eine treue Stammkundschaft, die nicht böse ist wenn sie mal nichts findet und immer wieder kommt. Ich habe Freundschaften geschlossen und bin umgeben von der schönsten Bekleidung. Mein Vermieter ist ein fairer Hamburger Kaufmann. Sogar die Presse und das Fernsehen haben sich schon für das Lädchen interessiert. Ich bekomme so oft positives Feedback von den unterschiedlichsten Besuchern. Für die Kleider und für die Einrichtung oder die Musik. Ich kann den ganzen Tag die Musik meiner Wahl hören. Ich muss niemanden in ein Kleid quatschen weil ich niemandem Rechenschaft ablegen muss wenn die Kundin den Laden verlässt ohne etwas gekauft zu haben. Denn ich bin keine besonders gute Verkäuferin. Ich bin eher eine Beraterin. Und wenn eine Kundin bei mir nichts findet, erzähle ich ihr von den anderen Läden in denen sie was finden kann. Das bringt mir zwar kein Geld, aber ein gutes Gefühl. Und das kann ich so machen, weil ich selbst entscheide, dass ich das so will. Und das machen auch die anderen Läden. Wir „schicken“ uns die Kundinnen oft zu. Denn die anderen kleinen Lädchen hier in Hamburg sind nicht meine Konkurrenz sondern meine Mitbewerber. Sie machen, zusammen mit Fräulein Stadtfein, die Vielfalt aus.

Wenn ich die Zeit zurück drehen könnte würde ich Weniges anders machen, ich würde mich jederzeit wieder für die Selbstständigkeit entscheiden. Sicherlich würde ich einige Entscheidungen so nicht mehr fällen, aber der große Plan funktioniert für mich sehr gut und ich bin sehr dankbar für die Chance, die mir gegeben wurde und Eure großartige Mund-zu-Mund-Propaganda. Bleibt mir und meinem Lädchen gewogen und weiterhin so wunderbar wie Ihr seid.

6 comments

  1. Simone Schlemmer says:

    Für mich aus der Generation Heidis Charmeuse, Frou Frou und vielen anderen Läden aus der Marktstrasse der frühen 80iger Jahre ist es i.O. wenn der Laden mal später öffnet oder zu bleibt, es war es wert. Heute ist es leichter an die Mode zu kommen, durch das Internet oder Läden wie deinem. Wir hatten auch nicht so viele Herstellers zu Auswahl , aber auf den Flohmärkten gab es immer mal ein schönes Original zu ergattern. Mach weiter so, denn das Internet kann niemals das bieten was du kannst: Beraten, anfassen und anprobieren! Beim nächsten Hamburg Besuch bist du auf meiner Liste!

  2. Nicola Eisenschink says:

    Liebe Simone, das, was Du da beschreibst, sind Glück und Privileg von allen Selbstständigen. Auch ich bin jeden Tag froh über die Entscheidung, nur noch eine Chefin zu haben: mich selbst. Klar muss man die Risiken ganz allein tragen, aber das ist es wert. Und Dein Lädchen ist eben genau deswegen so wunderbar, weil Du NIE jemanden in ein Kleid schnackst. Genau deswegen werden Kundinnen zu Stammkundinnen. Bleib wie Du bist!!

Comments are closed.